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Interview mit Torsten Wolf (Leipzig)

25.06.2003

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1
Rückblickend betrachtet, hast Du Deine Entscheidung, Musik zu machen, je bereut?


Definitiv: Nein! Eher habe ich hier und da einen Aushilfsjob angenommen, um über die Runden zu kommen, jedoch bleibt Musik zu machen und für die Musik zu leben meine Passion.

Minos Limited
CD-Cover


Minos Limites CD Cover

2
Welche lokalen bzw. internationalen Künstler magst Du besonders?


Nun, da sind zunächst einmal meine verehrten Bandkollegen von The Art Of Voices, Andy Heinrich, Peter Dreger, Gunter Christian sowie – nicht zu vergessen – Manager Marco Wultschew, des Weiteren die Musiker der Leipziger Band Takayo, mit denen ich gerade im Leipziger Krystallpalast Varieté spiele; im Grunde alle die, welche Ihr Bandkonzept schlüssig und beharrlich über Jahre verfolgen, die Firebirds wären zu nennen, auch Four Roses, von der internationalen Fraktion vielleicht Toto, Aerosmith, doch auch eine vergleichsweise junge Band wie Limp Bizkit. Das sind einige Beispiele, es gäbe noch viele mehr zu nennen.

3
Wie lerntest Du Hubertus Schmidt kennen, was schätzt Du an ihm?


Der jetzige The-Art-Of-Voices-Manager Marco Wultschew war Mitte der 90er Jahre für die Leipziger Metal-Combo Factory Of Art tätig, in der damals unter anderem Gunter Chrsitian und meine Person spielten. Stets auf der Suche nach guten Leuten, mit denen wir im Studio kooperieren konnten, brachte Marco eines Tages Hubertus an. Rasch fanden wir zueinander, und Hubertus stellte mir ein bereits fertig auf CD vorliegendes außergewöhnliches musikalisches Projekt vor: Minos limited. Hubertus suchte einen fähigen Drummer, der bereit war, gemeinsam mit ihm dieses komplexe musikalische Werk anlässlich eines Rockwettbewerbs aufzuführen und die Reaktionen zu testen. Die Jazzer, die ursprünglich die Aufnahmen eingespielt hatten, standen für Live-Performances nicht zur Verfügung.

Wir hatten drei Wochen Zeit zur Vorbereitung, Hubertus übernahm die Keyboard-Passagen und ich das drumming, wir probten insgesamt fünf mal.

Wir boten schließlich, Ende 1996, im Haus Leipzig, fünf Stücke mit einer Gesamtdauer von einer halben Stunde. Nun, die Aufführung lief erfolgreich. So war unter anderem Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, der in der Jury saß, regelrecht begeistert. Besagten Wettbewerb gewonnen haben wir zwar nicht, weil dort vor allem der Nachwuchs unterstützt wurde, aber die Idee, mehr aus diesem musikalischen Material zu machen, damit zu touren, war geboren.

An Hubertus, der bei Minos Limited übrigens als David Lynn Gainsberg auftrat, beeindrucken mich bis heute seine hervorstechende Kreativität, sein Hang zu außergewöhnlichen künstlerischen Formen, seine romantische und bisweilen morbide musikalische Ader.

4
Minos Limited erschien 1997. Wie lange dauerte die Produktion? Sag bitte etwas zum Inhalt. Wo liegt für Dich die Faszination?


Das Projekt kann man unter dark romantic ansiedeln, verschiedenartige weltliterarische Einflüsse wurden verarbeitet, so natürlich die griechische Mythologie um König Minos auf Kreta, Edgar Allen Poe bis hin zum lyrischen und musikalischen Werk Leonhard Cohens. Auch spielen, wie so häufig bei derlei Unterfangen, private Erlebnisse eine nicht unwesentliche Rolle. Von mir wurde dabei ein Schlagzeugspiel verlangt, wie ich es bis dato nicht abzuliefern hatte, welches einen angenehmen ästhetischen Kontrast zur „Rhythmusmaschine“ darstellt, die ich bisher bei allen Bands zu sein hatte.

Manuela Kirchberger von Wilma Concert, die erfreulicherweise ebenso hinter diesem spröden künstlerischen Projekt stand, besorgte weitere finanzielle Mittel. Wir spielten die vorliegende CD im Februar 1997 komplett neu ein, was inclusive Mix etwa fünf Wochen dauerte und im April war sie dann fertig. Ich trat nunmehr auch als Koproduzent in Erscheinung.

5
Hat es live-Aufführungen, Performances zu Minos Limited gegeben? Gab es ein Medien-Echo?


Ja, in der Folge gingen wir „on the road“. Von mir wurden neben dem Schlagzeugspiel erstmals mimische Handlungen auf der Bühne erwartet, ich musste plötzlich auch agieren, Pausen überbrücken helfen. Von Rostock bis Plauen bespielten wir das Ländle, lieferten eine Reihe Club-Gigs ab, den größten Act hatten wir beim Wave Gotik-Treffen bzw. als Support für Die Art. Es war – offen gesprochen – schwierig, Promotion für dieses Projekt zu machen, zudem war Hubertus mit Susanne Grütz unterwegs und ich damals noch mit Factory Of Art. Eine gewisse Statik der Performance konnten wir nie überwinden, der Keyboarder und der Drummer sind eben weitestgehend an ihre Instrumente gebunden. Wir haben alles Mögliche probiert, die Sache optisch aufzuwerten, so mit Schminke und Masken, wobei wir darauf bedacht waren, den künstlerischen Ansatz und uns nicht preiszugeben.

Zuerst waren wir zu zweit unterwegs, später wurden wir unterstützt durch die Geigerin Susann Bähnisch. Ihr damaliger Mentor, Georgie Gogow von City, äußerte sich sehr wohlwollend zu unserer CD.

Zur besseren Präsentation wurde dann noch ein Video gedreht auf der Burg Allstedt, gesponsert von unserem Freund Boris Avenarius. Das hat viel Spass gemacht und ist auch ganz gut geworden, für unsere bescheidenen Verhältnisse.

Nach und nach ging es zurück mit den Muggen, nahmen die anderweitigen Verpflichtungen zu, die die eigentliche „Butter aufs Brot“ einbrachten.

Was das Medienecho angeht, lieferte vor allem Peter Matzke beachtenswerte Kritiken. Die Zeitschrift Blitz reagierte, auch der überregionale Rundfunk nahm Notiz. Eigentlich fanden es alle gut, die die Gelegenheit wahrnahmen, zuzuhören.

Zur geplanten Fortsetzung in Form einer zweiten CD, Bats around the hotel, kam es nicht, obwohl an weiteren Songs gearbeitet wurde. Leider haben Hubertus Schmidt und ich heute keinen persönlichen Kontakt mehr.

6
Noch existieren, dem Vernehmen nach, Cds von Minos limited.


Ja, ich habe einen Restposten aufgekauft und man kann sie gern bestellen und erwerben zum Preis von 8,– EURO zzgl. 3,– EURO P+V, via E-Mail einmal über die Sachsenrock-Seite sowie über meine Person.

7
Finden außergewöhnliche musikalische Projekte in Leipzig und Umgebung eine Bühne?


Eher nicht. Früher gab es mal das Tuvalu, wo sich Hubertus als einer der Geschäftsführer versuchte. Die location bot ein gewisses Podium auch für musikalische Grenzversuche, was gegenwärtig vielleicht noch die NATO leistet. Im Grunde existiert eine kreative Szene, doch Leipzig macht zu wenig daraus. Außerdem leben wir in finanziell schwierigen Zeiten.

8
Was inspiriert Dich künstlerisch?


Wenn ich von der Mugge nach Hause komme, schaue ich gern Wiederholungen des Rockpalast und solche Sachen, nächtliche Übertragungen größerer Livekonzerte in den dritten Programmen. Da achte ich genau darauf, wie andere „sich live verkaufen“, welchen Freiraum an Improvisation sie sich im Gegensatz zu den Studioproduktionen gestatten, wie sie Titel beenden, das Programm aufziehen – Handwerk eben.

Ich gebe bis heute Schlagzeug-Unterricht, und meine Schüler haben häufig interessante musikalische Angebote auf CD dabei mit der Bitte, mal reinzuhören. So bleibe ich auf dem Laufenden.

Seit kurzer Zeit bin ich stolzer Besitzer eines Kleingartens. Was ich früher unter heftigstem Protest als spießig abgetan hätte, bietet mir heute Momente der Stille, Entspannung, der künstlerischen Regeneration …

9
Werkelst Du lieber im Studio an Songs oder bevorzugst Du Liveauftritte?


Momentan überwiegen eindeutig die Live-Auftritte. Wir haben uns als The Art Of Voices dafür eine breite Basis redlich erspielt. Freilich habe ich mir unterdessen studiotechnisches Equipment zugelegt, das meiste davon ist noch gar nicht ausgepackt. Sofern die entsprechenden Freiräume gegeben sind, werde ich mich intensiver darum kümmern.

10
Wie ist Deine Meinung über kommerzielle Medien, die Rockmusik präsentieren oder dies zumindest vorgeben?


Daran habe ich kaum Interesse. Allein der gängige Begriff Format Radio sagt doch alles aus. Im computertechnischen Sinne bedeutet „formatieren“ etwas „auf Null bringen“, platt machen … In Berlin, wo meine Schwiegereltern leben, treffe ich bei Besuchen auf eine erstaunlich lebendige, an wirklicher musikalischer Substanz interessierte Radiolandschaft! Es kann einem passieren, dass man dort nachmittags um vier Leonhard Cohen hört, ausgespielt.

11
Welche Bedeutung hat das Internet für Dich persönlich?


Ich nutze es auch, bin fasziniert von der Möglichkeit, auf Informationen zuzugreifen, die Fans zu kontaktieren, sehe aber auch die Gefährdung durch Viren und dergleichen. Leider schreckt dies viele davon ab, offensiv dieses an sich basisdemokratische Medium zu nutzen.


CD-Kurz-Rezension

Wer hätte geglaubt, dass Musik-Hören ein regelrecht spannender Vorgang sein kann? Das hängt – in diesem Falle – sehr mit dem vorliegenden musikalischen und textlichen Material und der Art der Umsetzung zusammen. Ungewohnt, gar unerhört, in seiner künstlerischen Verdichtung, in ästhetischer Stilisierung, die begleitet wird vom Mut zur außergewöhnlichen Form fernab der Kommerzialität, des vermeintlichen Massengeschmacks. Zwei Leipziger Künstler machen es sich nicht eben leicht, fordern Ihr Auditorium, spannen den Bogen weit, interpretieren verschiedene Mythen, die man zu kennen glaubte, neu, auf eigene, kreative Weise. Dark Romantic trifft das Ergebnis recht präzise, wobei kaum Moden bedient werden, eigene Erlenisse aufgearbeitet wohl schon eher, das Resultat beeindruckt allenthalben! Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die Beschränkung auf lediglich zwei Instrumentarien, Keyboard und Schlagwerk, keinerlei akustische Verlustqualitäten nach sich zieht, sondern eigenständige Klangwelten voll bizarrer Schönheit kreiert.

Es gab tatsächlich Aufführungen zur CD, glücklich zu nennen wohl alle jene, die dabei sein konnten. Und noch immer sind Tonträger käuflich verfügbar – eine gute Gelegenheit sicher, die eigene Sammlung hinsichtlich der Dokumentation eines alltagsfernen musikalischen Grenzganges innerhalb der Leipziger Musikszene zu komplettieren!


Torsten Wolf im Internet: www.theartofvoices.de