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Interview mit IC Falkenberg (Berlin)

26.01.2004

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Das Jahr 2003 liegt hinter uns; zieh bitte Bilanz; was waren für Dich, ICF, die musikalischen Höhepunkte, an welche Projekte, Veranstaltungen bzw. Auftritte erinnerst Du Dich besonders gern?


Es ist schwer für mich etwas hervorzuheben, was mich in seiner Gesamtheit ausfüllt und glücklich macht.

© IC Falkenberg, aktuelles Pressefoto

IC Falkenberg

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Seit geraumer Zeit ist Deine aktuelle, besinnlich anmutende CD agonie + ekstase auf dem Markt. Sie ist nach meiner Meinung überaus gelungen, wirkt künstlerisch geschlossen, erwachsen, reif. Wie lange hast Du daran gearbeitet, was verbirgt sich hinter the white room (wo die Aufnahmen realisiert wurden), konntest Du Deine aktuellen persönlichen Befindlichkeiten sowohl textlich als auch musikalisch, darin unterbringen, ist die sparsame Instrumentierung, die so gar nichts hat vom Bombast der in den Massenmedien pausenlos gespielten Titel, Ausdruck Deiner gegenwärtigen Gefühlslage?


An agonie + ekstase habe ich ein Jahr gearbeitet. Ich habe diese musikalische Form nicht gewählt, sie ist im Arbeitsprozess entstanden. Ich lebe künstlerisch in meiner eigenen Welt, weitab vom Kulturfaschismus der Massenmedien. the white room ist mein Studio, in dem ich seit einigen Jahren produziere.

3
Eines der wichtigsten musikalischen Ereignisse des Jahres 2002 war in unseren Breiten die Osten.de-Tournee, deren Frontmann Du neben Dirk Zöllner warst. Wie kam es dazu, wie entstand das Projekt, hat sich für Euch der Aufwand rückblickend gelohnt, welche Meinung vertraten die Kollegen, deren Werke Ihr neu interpretiert habt, konntet Ihr an den Reaktionen Eurer Bandmitglieder wie des Publikums feststellen, dass „die alten Hits“ auch heute noch musikalisch zu bestehen vermögen?


Ich kannte Dirk Zöllner eigentlich nur flüchtig, bis ich ihn für ein Musikmagazin fotografierte. Wir tauschten Gedanken aus und ich merkte schnell, dass er in einigen Punkten meine Sichtweisen teilen kann. Ich brachte ihm nahe, über ein gemeinsames Projekt nachzudenken. Schon in den Jahren vor unserer Begegnung beschäftigte ich mich mit der Idee, Lieder, die vor 1989 im Osten entstanden, zu interpretieren, nicht zu covern. Diesen Plan schlug ich Dirk Zöllner für ein gemeinsames Projekt vor.

Er fand diese Idee gut und wir fingen an. Ich glaube, wir haben einen guten Weg gefunden, den Soundtrack unserer Jugend im Hier und Jetzt auf unsere Art zu interpretieren. Kollegen wie Publikum konnten wir davon überzeugen, welch großen Respekt wir diesen Liedern und Ihren Schöpfern entgegenbringen.

4
Heutzutage werden, da es der Musikindustrie an markttauglichen Idolen zu fehlen scheint, Talente in Scharen gecastet, oft genug unter der Maßgabe, gleich einen Superstar abzugeben. Wie stehst Du zu dieser Entwicklung? Welche Erfahrung hast Du einzubringen, wenn man bedenkt, dass Du in den 80er Jahren hierzulande durchaus ein Idol vieler Jugendlicher warst?


Den Menschen wird suggeriert, dass jeder in der Lage ist, sich einem Publikum zu stellen. Ein Star zu sein braucht es mehr, als einige Töne zu treffen und sich nicht gänzlich unbeholfen auf der Bühne zu bewegen. Ich habe nie verstanden, wie Sänger ein Leben lang die Songs, vor allem die Texte, von Anderen singen können. Die Industrie, die eh schon in der Krise steckt, weil sie es in den letzten Jahrzehnten vorsätzlich versäumt hat, wirklichen Talenten Raum und Zeit zu geben um sich zu entwickeln, hat mit diesen Shows den Respekt für wirkliche Künstler unterminiert. Die Kids, die dort gecastet werden, finden sich in zwei Jahren zugeknallt mit irgendwas in einer Provinzdisse wieder, verhöhnt und unbeachtet mit ihren Hitplaybacks unterm Arm. Das ist eigentlich das Schlimmste daran, es ist menschenverachtend.

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Du hast in Ost und West unterschiedliche Ausprägungen an Jugendkultur erlebt mit verschiedenen Szenarien, darauf von offizieller, wenn man so will, staatlicher Seite, zu reagieren. Was würdest Du heute jungen Leuten raten, die vielleicht noch "unbekümmert" in die Schule gehen und später Musik machen möchten?


Dieses ganze Musikbusiness ist nicht mehr zu retten. Wenn jemand mit 16 der Meinung ist, er hat das Zeug dazu Lieder zu schreiben oder ein Instrument zu spielen oder zu singen, dann soll er das auf jeden Fall tun. Wenn sein Antrieb Ruhm und Geld sind, sollte er es lassen. Wenn er wirklich was mitzuteilen hat oder die Fähigkeit besitzt, andere Menschen emotional zu erreichen, wird sich ein Publikum finden.

6
Welche Erinnerungen hast Du an den Musik-Unterricht in der Schule? War das ermutigend oder eher abschreckend?


Beides !?

7
Nenn bitte ein paar Musiker bzw. Produzenten, deren Schaffen Du über die Jahre hinweg zu achten gelernt hast, welche im globalen Maßstab agieren.


Meine Inspiration finde ich nicht nur in der Musik Anderer, sondern in allen Kunstrichtungen. Deshalb fällt es mir schwer, Personen zu benennen.

8
Spürst Du bei Deinen Auftritten in Ost und West unterschiedliche Publikumsreaktionen auf Deine Texte, Deine Art des musikalischen Vortrags, Deinen künstlerischen Anspruch?


Nein.

9
Was macht für Dich, der Du selber ein talentierter Autor bist, einen guten (Rock-) Text aus? Welchen Anspruch an Texte hast Du? Finden anspruchsvolle Texte in der Gegenwart Gehör?


Ein Anspruch ist eben nur ein Anspruch. Man kann die Menschen nur erreichen, wenn man unter Menschen lebt.

10
Wie ist Deine Meinung über kommerzielle Medien, die Rockmusik präsentieren oder dies zumindest vorgeben (etwa MTV, Viva usw.)? Welchen ästhetischen Wert hatten demgegenüber, mit dem Abstand von heute betrachtet, Musiksendungen in Funk und Fernsehen der DDR der 80er Jahre?


Die kommerziellen Medien unterliegen den Zwängen der Werbewirtschaft, die Wirtschaft hat maßgeblichen Einfluss auf die Politik. Im Osten gab es „nur“ ideologische Zwänge und das war schon schlimm genug. Die Medien im Osten der 80er waren für DDR Verhältnisse schon liberaler als in den Jahrzehnten davor. Sie waren ein Abbild des Systems. Man hat versucht, mit den vorhandenen Mitteln das Beste zu erreichen. Manchmal ist wirklich Erstaunliches gelungen. Ansonsten war es ein wenig Kritik hier oder eine handbreit Weltoffenheit da.

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Du warst einst der Frontmann der Stern Combo Meissen, hast damals Reinhard Fißler abgelöst, der Band entschieden neue musikalische Impulse verliehen: Wenn man so will, wurden mit Titeln wie Wir sind die Sonne nach einer „Zeit der Werke“ Erwartungshaltungen einer neuen Generation von Zuhörern bzw. Fans bedient. Wie denkst Du heute über diese Zeit, bestehen noch Kontakte zu den einstigen Kollegen?


Ich habe Reinhard ja nicht abgelöst. Die SCM trennte sich von Reinhard Fißler und Micha Behm und erst danach wurden neue Leute gesucht. SCM gehörte ja zu der Generation von Ost Bands, die als Coverband angefangen haben. Und so hielten sie natürlich lange an ihren internationalen Vorbildern fest, zu lange. ELP z.B. waren eigentlich auch nur modisch und schnell wieder Vergangenheit. Die Musik von Zappa, Dylan oder den Doors dagegen ist unvergänglich. Und das war eher mein Geschmack. Ich kam, nachdem ich einige Jahre als Singer/Songwriter umhergefahren war, zum Punk und New Wave. Eine gute Basis für schräge Texte. Leider stagnierte das ganze irgendwann. In dieser Zeit suchte Martin Schreier in den Clubs nach neuen Musikern. Als er mich zum „Casting“ einlud, war es für mich eher ein Gag. Ich konnte mir nicht vorstellen, bei einer Artrock-Band zu singen. Dann spielte man mir Demos vor und es war sehr interessant, was es da auf die Ohren gab. Nachdem alles, was singen konnte, vorgesungen hatte, fiel dann die Wahl der Band auf mich. Für mich begann eine Zeit des Lernens. Musiker wie Uwe Hassbecker oder Peter Rasym und später Andreas Bicking gehörten zum Besten, was es im Osten gab.

Ich freue mich, 2004 bei einigen der Jubiläumskonzerte mit SCM auf der Bühne zu stehen. Vierzig Jahre. Was habe ich eigentlich vor vierzig Jahren gemacht?

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Welche Bedeutung hat das Internet für Dich?


Das www ist das letzte freie Medium.

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Du hast verdientermaßen einen großen Fan-Kreis, welcher sich im Rahmen der ICF-Symps organisiert (zu denen auch die Sachsenrock-Seite von Anfang an Kontakt hielt.) Die Anstrengungen der Fans um Dich und Dein künstlerisches Werk verdienen großen Respekt, die Einträge in Gästebücher bzw. Foren sind stets äußerst aktuell und umfangreich, jeder Deiner künstlerischen Schritte wird wahrgenommen und gespiegelt. Bitte sag etwas zu diesen Aspekten.


Es gelingt mir nicht immer, meine Sympathisanten aktuell zu informieren. Ich versuche es so gut es geht.

Eine gewisse Transparenz im Bezug auf meine Arbeit halte ich für wichtig. Ich finde es unglaublich, mit welcher Intensität ich unterstützt werde und bin sehr dankbar dafür. Was da passiert, ist ja nicht dieses Fan-Ding. Man hat irgendwie das gleiche Ziel, die gleichen Gedanken, die selbe Sicht auf die Dinge. Das macht es zu etwas sehr Besonderem.

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Suchst Du noch das Live-Erlebnis im umfangreichen Sinne oder nimmt mittlerweile Studio-Arbeit einen größeren Raum in Deinem Schaffen ein? Sag bitte auch etwas zu mollwerk.


Die Konzerte sind für mich das wichtige Element meiner Arbeit. Ich bin gern im Studio, aber nicht jahrelang. mollwerk ist mein Label und die Garantie für Kontinuität in meiner künstlerischen Arbeit.

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Du bist künstlerisch sehr vielseitig, u.a. fotografierst Du. Woher rührt Dein Interesse an Fotografie, welche Arbeiten konntest Du bislang realisieren, arbeitest Du analog (Kleinbild- bzw. Mittelformat) oder digital, mit welcher Resonanz?


Ich habe bisher vorrangig im Auftrag gearbeitet. Ich liebe es den Moment festzuhalten, wie in einem guten Text. Ich arbeite mit Kleinbild, damit bin ich unaufälliger und flexibler und ganz im Gegensatz zu meiner Studioarbeit ziehe ich hier das Analoge vor.


IC Falkenberg im Internet: www.icfalkenberg.de