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Interview mit Sophie von jamboree (Leipzig) anlässlich des Erscheinens der CD self asseessment manikin

20.11.2004

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1
Seit wann existiert jamboree, wie würdet Ihr Euch stilistisch einordnen, wie ist die (aktuelle) Besetzung?


Jamboree gibt es seit sechs Jahren, die jetzige Besetzung und stilistische Richtung ist aber erst 1999 entstanden, als Peter (Bass), Karsten (Git.) und Sophie (Gesang) dazugeholt hat. Henri (Drums) ist vor eineinhalb Jahren zu uns gestoßen. Unsere Musik in die richtige Schublade zu sortieren, ist bis jetzt ein zielloses Unterfangen gewesen. Wir spielen Rock, der in den ersten Jahren sehr Popsong-mäßig angelegt war, zwischendurch härter wurde und sich auf der neuen Platte – auch zu unserer eigenen Überraschung – ein bisschen eighties-brachial anhört. Wer das genauer wissen will, muss sich das Ganze zu Gemüte führen – leider versagen die üblichen Genre-Bezeichnungen.

jamboree

jamboree2004 © Foto: Band

2
Es gibt eine neue CD von Euch, self asseessment manikin. Bitte sag etwas zum Inhalt, zur Entstehung und Produktion.


self assessment manikin ist ein Querschnitt durch die Songs, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind, auf der Platte sind sie in der Form festgehalten, wie wir sie im Moment live spielen. Typisch für uns sind kontrastreiche Sounds – leise, melancholische Melodien und harte krachige Bridges und Hooklines. Die meisten Texte sind ziemlich projektiv gehalten, so dass jeder, der sich damit näher auseinander setzen will, das herauspicken kann, wozu er selbst eine Beziehung hat. Es gibt schon immer einen konkreten Gegenstand, den wir thematisieren wollen, aber die Art und Weise, wie die Texte aufgebaut sind, lässt noch Interpretationsspielraum, das ist uns wichtig. Natürlich gibt es auch „handfeste“ Liebeslieder oder Spaßtexte, ist ja klar, dass man nicht immer in der Stimmung für halbversteckte Philosophie ist.

jamboree CD cover

jamboree, self assessment manikin, CD cover

Die Produktion lief für uns ziemlich luxuriös – dank Olaf Pinder hatten wir über einige Monate Zeit, im Studio an den Songs zu arbeiten und die Arbeit zwischendurch auch mal ruhen zu lassen. Dieser tolle Umstand traf aber nicht auf Henri zu – denn er hat das Mischpult bedient und ist ein ruheloser Workaholic, der sich (freiwillig und trotz besorgter Hinweise auf seine körperliche und seelische Gesundheit) über all die Zeit sehr sehr viele Abende um die Ohren geschlagen hat und auch den meisten Stress beim Produktionsabschluss hatte.

3
Welche Bedeutung hat das Internet für Euch?


Internet … ist doch für jeden von uns schon irgendwie unentbehrlich geworden, auch wenn man´s vielleicht nicht so spürt. Für die Band hat die Homepage bisher keine Hauptrolle gespielt, wir halten die Termine und die spaßigen Backstageberichte halbwegs auf dem Laufenden, und mehr wird erst in den nächsten Monaten passieren. Dann wollen wir unseren Web-Auftritt runderneuern, und es wird auch für weniger Computerbegabte wie uns leichter sein, die Seite tagesaktueller auf Vordermann zu halten.

4
Wie ist Eure Meinung zur modernen Medien-, insbesondere Radiolandschaft bezüglich anspruchsvoller (Rock-) Musik, zum Hype um Castingshows?


Die Radiolandschaft in Deutschland ist schon irgendwie sehr frustrierend – die wenigen Ausnahmen fallen so auch denen ins Auge, die eigentlich keine ständigen UKW-Surfer sind. Man hört den großen Programmen an, dass ihre Chefs die Position vertreten, in erster Linie keinen Zuhörer stören zu wollen. Radio wird nur noch gemacht, um in Kaufhäusern und Büros nebenher dudeln zu können – wahnsinnig schade. Gute musikalische Themensendungen und Setlists, die von der üblichen Mainstream-Charts-Rotation abweichen, gibt´s eigentlich nur noch bei wenigen kleinen, feinen Lokalsendern, Radio Eins oder selten auf Deutschlandfunk/radio.

Was soll man mehr sagen? Bisher sind wir in keinem Radiosender außerhalb einer Berichterstattung über uns gespielt worden, deshalb ist unsere Meinung auch nur die der gelangweilten Hörer, und nicht die der beleidigten Musiker. Genauso wenig ergiebig ist es, über Castingshows zu lamentieren – dieser Hype wurde ins Leben gerufen, es gibt genug Teenies, die die Platten kaufen, Herrgott – schade, dass es scheinbar nur noch in Papas Plattenschrank Weltstars gibt, die vor ihrem Durchbruch nicht umgestylt, umbenannt und umbesetzt wurden.

5
Welche Qualitäten haben regionale und überregionale Live-Szene nach Eurer Meinung? Wie aufgeschlossen bzw. wagemutig sind momentan Veranstalter einem unkonventionellen, frischen musikalischen Angebot wie dem Euren gegenüber? Wie reagiert das Live-Publikum?


Erst mal danke für das unkonventionell und frisch – wir wollen nicht bewusst Grenzen sprengen oder Neuland betreten, sondern spielen, was uns gerade bewegt. Bisher sind wir damit gut durchgekommen – also schockieren wir offenbar niemanden. Natürlich wird in vielen Clubs immer weniger Livemusik angefragt, es scheint genügend Leute zu geben, denen ihr Samstags-DJ reicht. Umso schöner ist es, auf die zahlreichen Ausnahmen zu treffen – sowohl unter den Veranstaltern, als auch den Konzertgängern, die nicht aus Versehen vor einer Band landen. Und da unsere Musik bei einem breiten Altersspektrum ganz gut landet (wir wissen immer noch nicht, ob man darauf nun stolz sein soll oder nicht), sehen wir die Veranstalter nicht unbedingt als wagemutig im speziellen an, sondern eher als Bastionen der Livemusik generell. Schön, dass sie nicht aufgeben.

6
Eure Texte sind in englischer Sprache verfasst. Warum englisch und warum nicht deutsch?


Zunächst – ich denke, diese Frage ist erst seit wenigen Jahren wieder offensichtlich geworden, seit deutsche Bands mit deutschen Texten wieder cooler sind als englischsingende Mitstreiter. Zurecht, denn es ist sauschwer, in der Muttersprache den schmalen Grad zwischen Lyrik und Kitsch, konkreten Themen und Banalität zu erwischen. Der Gedanke, uns daran zu wagen, hat uns auch schon umgetrieben und ist schließlich wieder auf Eis gelandet, weil es uns eben schon ein paar Jährchen gibt und unser kompletter Stil sich mit der Sprache wandeln würde.

Wir versuchen, in den Texten auch mit Bedeutungen zwischen den Zeilen, mit sprachlichen Bildern und Konnotations-Nuancen zu arbeiten, als Nicht-Muttersprachler können wir uns aber nie sicher sein, ob es uns völlig so gelungen ist, wie es angestrebt war. Bisher hat das Feedback von englischsprachigen Kontroll-Hörern aber gestimmt. Nicht zuletzt ist es ein ziemlicher Seelen-Striptease, für jeden Zuhörer sofort verständlich über Ängste, Träume, seine dunklen Seiten zu singen. Und eben dies kann auf Deutsch halt schnell in die Sparte „Schlager“ rutschen, egal, wie sehr man dabei rockt. Zum Glück ist diese engstirnige Sichtweise dank vieler toller Bands, in deren Texte ich auch verliebt bin, gerade am Abbröckeln, aber an dieser Reformfront kämpfen wir nunmal nicht.

7
Welche Qualitäten sollte nach Eurer Meinung ein guter Live-Club haben?


Vor allem muss er besucht sein! Und dazu können die Betreiber eben nur einen Teil beitragen. Meistens wird ein Club ja erst dann cool, szenig und anziehend, wenn er sich abhebt und nicht jedem gefällt. Ein Teufelskreis, der theoretisch auch zu einer gut sortierten reichhaltigen Musiklandschaft führen könnte, theoretisch …

8
Was waren bislang bedeutende Auftritte von jamboree?


Damit sind wohl die großen Auftritte gemeint. Wir hatten das Glück, bei Festivals u.a. mit Die Happy, Nina Hagen, Fury in the Slaughterhouse die Bühne zu teilen.

Auch sehr cool, aber familiärer, war das Konzert Girls in front (wir haben daraus dann ein gleichnamiges Festival gemacht, das im März wieder steigen wird) in der „Moritzbastei“ vor eineinhalb Jahren. Da haben Wir sind Helden quasi vierzehn Tage vor ihrem großen Durchbruch mit uns gespielt. Bedeutend für uns waren aber eher die Gigs, die einem Erkenntnisse über sich selbst verschaffen. Das kann Dir auch in einem winzigen Club vor dreißig Leuten passieren und trotzdem viel bewirken.

9
Gibt es global agierende Musiker, deren Schaffen Ihr achtet?


Tausende! Wir können noch nicht mal einzelne Künstler oder Bands nennen, die eine Art Vorbildfunktion hätten. Nicht zuletzt, weil wir eher unterschiedlich geartete Platten- und CD-Sammlungen haben. Und jeder einzelne auch nicht stilistisch festgelegt ist. Also fließt von Jazz bis Metall alles mit ein, was uns unter die Ohren kommt. Vielleicht tun wir uns deshalb schwer mit stilistischen Bezeichnungen und Idolen?

10
Was sind die nächsten Vorhaben?


Spielen, spielen, spielen – wir hoffen, dass die neue Platte hilft, die Veranstalter weiterhin von uns zu überzeugen. Im März wollen wir in Leipzig wieder das Girls in front aufziehen und Bands mit Frontfrauen um uns scharen, um wieder so ein tolles Konzert hinzukriegen wie in diesem Jahr.

Bis dahin schaffen wir es vielleicht auch, auf die Tüftelei im Studio eine neue kreative Phase folgen zu lassen und neues Material zu sammeln. Aber erst mal werden wir am 04. Dezember in der „Moritzbastei“ self assessment manikin zu Gehör und unter die Leute bringen, für das Record Release Konzert sind wir schon am Werkeln … also hingehen!


jamboree im Internet: www.jamboree-music.de