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Interview mit Schluff Jull

09.02.2005

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Seit wann gibt es Schluff Jull, wo seid Ihr zu Hause, macht Ihr ausschließlich Musik oder beruflich noch andere Dinge, wie erklärt sich der Bandname und wer macht alles mit?


Schluff Jull gibt es seit 1985. In der Band haben wir mehr oder weniger gemeinsam als Autodidakten unsere Instrumente spielen gelernt Zu den Gründungsmitgliedern gehörten schon damals Olaf Kalemba (g, voc), Georg Rikken (tr) und Heinz Wiskozil (g, voc). Nach kurzer Zeit kamen Karl-Heinz Bockholt (dr), Michael Becker (perc) Thomas Holtschoppen (key,voc) hinzu. Nur der Bassmann wurde mehrmals gewechselt. Seit mehreren Jahren hat Detlef Jacobs diese Position in der Band übernommen.

Auch im Bereich der Bläser haben wir uns schnell vergrößert. Heute spielen neben unserm Trompeter Jürgen Liebert (tenorsax) und Horst Schulz (altsax und sopransax). Ganz besonders wichtig ist darüber hinaus unser Soundmann Michael Arndt, der mittlerweile wohl auch über 15 Jahre mit von der Partie und für den typischen Schluff Jull-Sound verantwortlich ist.

Unser Bandname entstammt dem Dialekt unser Heimat, die uns alle auf die ein oder andere Art geprägt hat. Wir leben im niederrheinischen Grenzgebiet zu den Niederlanden, hauptsächlich in Viersen nahe Mönchengladbach. Wer Lust hat, kann auf unserer Webseite Bilder der typischen Niederrhein Landschaft finden.

Zu der Entstehung unseres Namens gibt es so viele Geschichten, das wir selber nicht mehr wissen, wie wir an ihn geraten sind. Er wurde uns gegeben und wir leben damit! Wir haben alle erst spät nach der Berufsausbildung unser gemeinsames Projekt Schluff Jull gestartet und Gott sei Dank niemals Kompromisse bezüglich unserer Musik machen müssen, weil wir eben nicht materiell davon abhängig sind. Vom Musikmachen zu leben, ist in der heutigen Musikszene ein (Alb-)Traum, außer man schätzt Castingshows und ist bereit, exakt das zu tun, was der Markt gerade wünscht. Aber in dem Falle geht es nur noch ums Geld und nicht mehr um eigene Vorstellungen von Musik.

Schluff Jull

Schluff Jull, Foto: Band

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Wie würdet Ihr Euren Musikstil beschreiben, auch das heutzutage wohl ungewöhnliche Konzept, sich zur vermeintlichen Provinz "und ihrer Langsamkeit" zu bekennen, den künstlerischen und menschlichen Dingen Zeit zum Wachsen zu lassen, dem Ihr Euch verschreibt?


Andere sind sicherlich kompetenter, unseren Musikstil zu charakterisiern. Wir können gut damit leben, dass viele uns in den Bereich des Jam-Rock mit seinen Wurzeln in der amerikanischen Rockmusik der 60er und 70er Jahre einordnen. Ehrlich gesagt, haben wir nie bewusst versucht, irgendeine Richtung zu verfolgen. Wir spielen die Musik, die entsteht, wenn 10 Leute ihre unterschiedlichen Ideen und Vorlieben einbringen. Dass dann verschiedenste Einflüsse vom Folk bis zum Jazz einfließen, ist doch natürlich. Der Preis, den man zahlt, ist, dass man zu Beginn länger braucht, eine Art Basis zu entwickeln, mit der alle Musiker leben können. Das heißt, man muss miteinander reden, sich kennen und respektieren lernen.

In unserer schnelllebigen Zeit zählen meist andere Dinge, oft genug durch materielle Kriterien definiert. Wofür wir arbeiten, sind Dinge wie Freundschaft und Zufriedenheit und damit ist man nie „fertig“. Von daher spielt Schnelligkeit keine Rolle, eher schon „Langsamkeit“, aber nicht zeitlich verstanden, sondern im Sinne von überlegtem, selbstbestimmtem, verantwortlichem Umgang mit unserer Zeit.

3
Nennt bitte bemerkenswerte Auftritte der Bandgeschichte.


Schwierig. Es wäre uns lieber, unser Publikum würde diese Frage beantworten. Es gibt bemerkenswerte Punkte in unserer Bandgeschichte. Als Beispiele seien genannt: unsere Begegnung und die Zusammenarbeit mit Hans-Hermann Pohle, dem Chef unser Plattenfirma Taxim oder unsere enge Beziehung zu den Deadheads in Deutschland, die immer für eine tolle und positive Stimmung bei Konzerten sorgen. Auch unsere sehr frühen Auftritte im Osten der Republik (noch vor der Wende), die zu vielen Konzerten und Freundschaften in der Region geführt haben, sind uns sehr wichtig.

4
Wie ist es in Eurer Region generell um Auftrittsmöglichkeiten für ambitionierte Live-Bands bestellt?


Wie wahrscheinlich überall in Deutschland wird es für Veranstalter und Musiker immer schwieriger, eine Liveszene am Leben zu erhalten. Die Nische für nicht kommerzielle Produkte wird immer kleiner und ein aktives Publikum ist auch immer schwerer zu mobilisieren.

Wenn man die eigene Datenbank mit Kontaktadressen durchgeht, fällt auf, wie schnell Clubs von der Bildfläche verschwinden und die Möglichkeiten immer kleiner werden. Ganz abgesehen von dem Aufwand, neue Lokalitäten zu finden.

5
Welche Bedeutung hat das Internet für Euch?


Da die großen Musikmagazine eh nur noch die Industrie bedienen und ohne geschaltete Anzeigen (das heißt Bezahlung) kaum noch etwas läuft, ist das Internet die einzige Plattform, für uns zu werben und Kontakte (zum Beispiel per E-Mail) zu unterhalten. Andererseits muss man auch sehen, dass sich alles in der Fülle der „Informationen“ relativiert, das heißt, man kann zwar einfach präsent sein, aber wie soll jemand darauf aufmerksam werden? Außerdem verändert sich zum Beispiel durch Musikdownloads die Szene sehr schnell und die ersten, die auf der Strecke bleiben, sind kleine Labels.

Schluff Jull im Internet: www.schluffjull.com

6
Gibt es CDs von Euch?


Bei Taxim gibt es bisher drei reguläre CDs von uns. In der Reihenfolge des Erscheinens: Heartlines, Circlin ´round a sun und No matter of age.

Außerdem gibt es Livemitschnitte von vielen unserer Konzerte auf Soundboardbasis. Wir lassen Mitschnitte gerne zu. Über die Germanheads dürften diese CDs erhältlich sein.

7
Hattet Ihr "vor der Wende" einen Bezug zum "Ostrock", wenn ja, welche Bands oder Musiker kanntet Ihr? Wie wirkten die oft metaphorischen, die Wirklichkeit eher umschreibenden Texte dieser Künstler auf Euch, die Ihr Dinge direkt und ohne Umschweife benennen konntet?


Um ehrlich zu sein, die Meisten von uns haben sich wenig für Deutschrock aus West wie Ost interessiert. Wir sind mit amerkanischer Musik aufgewachsen. Natürlich kannten wir auch deutsche Bands , da gab es zum Beispiel Renft im Osten oder Ton Steine Scherben im Westen, die nicht so ganz in das Klischee des häufig sehr pompösen und eher steifen „Krautrocks“ passten. Im Übrigen standen Westbands wie Novalis oder Hölderlin in ihren „metaphorischen“ Texten den Ostbands in nichts nach.

Aber Metaphorik oder Bildlichkeit hat nicht immer etwas damit zu tun, ob man Dinge direkt benennen kann. Es gibt auch andere staatspolitische Barrieren, die dich daran hindern können, Dinge auf den Punkt zu bringen. Andererseits gibt es Arten von Bildlichkeit, die sagen viel genauer, was Sache ist, als mancher plumpe Versuch, Dinge zu vereinfachen. Viele Texte von Dylan sind Beispiele gelungener Bilder, die über Sprach- und Kulturgrenzen funktionieren. Wie überhaupt Musik wesentliche Aussagen ganz ohne Sprache auszudrücken vermag.

8
Seid Ihr nach der Wende schon in den "neuen Ländern" aufgetreten, wie war Euer Eindruck, wie reagierten die Fans?


Wie schon gesagt, sind wir bereits vor der Wende „drüben“ gewesen. Dabei sind uns besonders die Gastfreundschaft und spontane Organisationsfähigkeit in Erinnerung geblieben. Da war zum Beispiel ein Open air in Rochlitz an der Mulde, dem das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte, da wurde das Konzert kurzerhand in den Saal eines ortsansässigen Industriebetriebs (Hydraulik) verlegt. Sensationell! Genauso überraschend war für uns der Zapfenstreich am Abend. Punkt zehn war Schluss und das ganze Publikum verließ diszipliniert den Saal und ließ uns Musiker verdutzt auf der Bühne zurück.

Das Publikum „Ost“ selbst unterscheidet sich kaum vom Publikum im Westen. Überhaupt sollten wir diese Unterschiede nicht zu sehr betonen. Es mag regionale Eigenheiten geben (die gibt es schon vom Niederrhein nach Westfalen oder gar zu Bayern :-)), doch es gibt überall solche und solche, wie der Niederrheiner zu sagen pflegt.

Wir sind den neuen Ländern treu geblieben und versuchen zumindest einmal im Jahr dort zu sein. Über die Jahre haben sich dort Freundschaften zu vielen Fans entwickelt. Einige besuchen sogar über die weite Entfernung hinweg unser traditionelles Weihnachtskonzert im heimischen Viersen, mit dem wir stets unser Konzertjahr beenden. Darauf sind wir stolz.

9
Bevorzugt Ihr Live-Auftritte oder Studioarbeit?


Eine für unsere Band fast überflüssige Frage, da wir selbst bei den Proben und im Studio versuchen, der Livesituation so nah wie möglich zu kommen. Das liegt sicher daran, dass unsere Musik von der Interaktion zwischen den Musikern und spontanen Ideen, nennt es von uns aus Improvisation, lebt. Joni Mitchell hat mal gesagt, es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Maler und einem „performing artist“. Niemand würde zum Maler sagen, mal deinen Bild noch mal heut nacht.

Wie langweilig wäre es, wenn ein Song immer gleich klingen würde. Es gibt Songs, bei denen passiert etwas Wunderbares. Nur wenn man es zulässt, findet man irgendwann, vielleicht erst nach Jahren, das, was im Song steckt und er beginnt zu leben. Das hat auch mit Respekt vor der Musik zu tun.

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Nennt bitte global agierende Musiker, deren Schaffen Ihr achtet.


Wir achten jeden Musiker, der zu seiner Musik steht. Seien es große wie Zappa, Dylan, Young, Grateful Dead, um nur einige zu nennen, aber wichtig ist, dass du dich nicht vor einen Karren spannen lässt und du zu dem stehst, was du machst. Und das kann für die kleinen Bands viel schwerer sein.

Steh mal in einem Saal, wo weniger Leute zu Konzert gekommen sind als auf der Bühne stehen. Die dann trotzdem ihr Bestes geben, vor denen haben wir Respekt.

11
Ihr habt viele Bandmitglieder. Wie haltet Ihr "den Laden in Schwung", organisiert Ihr Euch, bringt Ihr unterschiedlichste Charaktere, Ansprüche und Vorstellungen unter einen Hut?


Es gibt kein Konzept. Klingt vielleicht altmodisch, jeder ordnet sich dem Ganzen unter. Auch weil jeder weiß, dass er das, was wir zusammen schaffen, nie alleine bewerkstelligen könnte. Das wird allzu leicht übersehen. Uns verbindet die Musik und ganz besonders die Freundschaft, die sich über die Jahre gebildet hat. Vertrauen, das mag pathetisch klingen. Wir wissen, anders als früher, wenn man einen Fehler macht, sind die anderen da, um in die Bresche zu springen. Nicht nur beim verpatzten Solo, wo dir die Mitmusiker zur Hilfe kommen. Das gilt auch im Alltag. Welche Beziehungen halten 20 Jahre? Streiten gehört dazu, aber wir haben nicht vor, uns scheiden zu lassen :-) .

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Sagt bitte etwas zur Tradition Eures jährlichen Weihnachtskonzertes, zu welchem auch Fans aus dem Osten anreisen.


Dieses Konzert gibt es schon fast so lange wie unsere Band existiert. Traditionell findet es am letzten Samstag vor Weihnachten in unserem Heimatort Viersen statt. Bisher immer im Saal des Marienheims, eines Jugendheims. Nur leider wird im Rahmen von Sparmaßnahmen der Saal aufgegeben und abgerissen. Wir sind also auf der Suche nach einer neuen Örtlichkeit. Wir werden unser Jahresabschlusskonzert aber nicht aufgeben, da mittlerweile ein Publikum aus der ganzen Republik anreist.

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Wie steht Ihr zu aktuellen Trends des Musikmarktes (Castingshows, an aufwendige Videoproduktionen gekoppelte Charts, Formatradios usw.)?


Dazu gibt es nicht viel zu sagen, Trends interessieren uns nicht, sie verschwinden genauso schnell, wie sie kommen. Wer da mit macht, muss wissen, welchen Preis er zahlt. Was uns mehr Bauchschmerzen macht, ist der Markt, das heißt, die vollständige Unterordnung von Musik unter ökonomische Kriterien. Nichts spricht dagegen, sauber zu wirtschaften. Veranstalter, Plattenfirmen müssen rechnen, weil sie nicht vom Enthusiasmus alleine leben können. Nur sollte am Ende nicht nur die Kohle zählen, auch mit dem Produkt sollte man sich identifizieren können. Und dazu gehört Mischkalkulation, sonst gibt es am Ende keinen wirklichen Nachwuchs mehr, sondern lediglich Retortenmusik. Die Frage ist nur, ob man das Publikum auf Dauer damit abspeisen kann. Hoffentlich nicht.

14
Wie sind Eure Erinnerungen an den Musikunterricht in der Schule? War das ermutigend oder eher abschreckend? Hat man Euch zu verstehen gegeben, dass Ihr musikalisch talentiert seid, wurdet Ihr zu Kreativität ermutigt?


Naja, eher negativ. Ein Beispiel: Olaf wurde auf dem Gymnasium mit klassischer Musik konfrontiert. Zuhause gab es so was nicht. Der Lehrer wollte, dass man die Instrumente identifizieren sollte. Reichlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich für jemanden, der eine riesige Klangwand vor sich hat und nicht mal die Namen der meisten Instrumente kennt :-). Außerdem musste er vorsingen, wer falsch sang, bekam Ohrfeigen. Vor Angst ging dann fast nichts – abschließende Beurteilung: total unmusikalisch. Olaf hat dann erst nach der Schule, ermutigt durch Dylan (Es gibt auch noch andere Kriterien für Musikalität: Authentizität!) angefangen, Gitarre zu spielen und zu singen. Ähnlich ging es vielen von uns.

15
Ihr seid schon lange "im Geschäft", habt dabei viel erlebt. Was würdet Ihr jungen Leuten raten, die vielleicht noch zur Schule gehen und deren "naiver" Traum es ist, später Musik zu machen?


Werdet euch klar darüber, ob ihr Kohle machen wollt, ob ihr vom Publikum gefeiert werden wollt oder ob ihr eure Musik machen wollt. Letzteres ist mit den ersten Punkten kaum vereinbar und die beiden ersten Ziele sind anderweitig leichter zu erreichen.

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Was sind Eurerseits wichtige Vorhaben in diesem Jahr?


Einfach weitermachen, die vierte CD in Angriff nehmen und soviel live zu spielen, wie uns möglich ist beziehungsweise ermöglicht wird. (Indirekter Aufruf an alle Veranstalter, uns zu kontaktieren :-) ).


Schluff Jull im Internet: www.schluffjull.com