Fenster ausdrucken
Sollte die JavaScript-Routine window.print unter MacOs versagen, nutzen Sie bitte Druck-Icons, die Menüstruktur oder dergleichen.

Interview mit Norbert Leisegang (Keimzeit)

26.05.2005, Leipzig, Parkbühne

Textversion
 

1
Wie entstand die aktuelle CD Privates Kino, wie kommen die neuen Titel live an?


Ich habe im Januar 2004 angefangen, neue Songs zu schreiben. Im Sommer war klar, dass das vorhandene Material für eine CD reichen würde. Ich rief unseren Produzenten Franz Plasa an, er stimmte zu; im Zeitraum Oktober, November vergangenen Jahres fand schließlich die CD-Produktion in den Hamburger "Home"-Studios statt. Parallel dazu brachten wir die Entwicklung des Layouts auf den Weg. Der Gestalter und Fotograf Walter Belge, ein Freund der Band, besuchte uns im Studio und entwickelte dann das neue Design. Von ihm stammt auch das Motiv auf dem Tourposter, welches anlässlich einer Fotosession vor dem Schweriner Wirtschaftsministerium aufgenommen wurde. Kurz und gut, Ende 2004 waren alle Arbeiten abgeschlossen, das Material in "Sack und Tüten", so dass am 19.03.2005 die CD veröffentlicht werden konnte.

Wobei wir zunächst feststellten, dass ein Teil unserer Fans zum Verkaufsstart nicht gleich klar kam mit dem aktuellen Album, offenbar einige Mühe und Schwierigkeiten mit der Rezeption hatte, die neuen Stücke nicht sofort annehmen konnte. Seit die Tour läuft, die Live-Schiene wieder Priorität hat, änderte sich das schlagartig! Zu Beginn der Show bringen wir 5 Titel hintereinander vom neuen Album und bemerken, wie die Besucher nach dem Konzert den Merchandising-Stand stürmen und die neue Scheibe erwerben. Wir freuen uns natürlich festzustellen, wie der Live-Eindruck die Leute überzeugt, sie die Lieder von "Privates Kino" nunmehr als typisch für unsere Band akzeptieren, die musikalische und textliche Substanz sich gerade via Konzert voll entfaltet. Die Werke fügen sich nahtlos, ohne Brüche, ins Programm ein.

Keimzeit

Keimzeit, Leipzig, Parkbühne, 26.05.2005

Derzeit besuchen wir, zwischen den Auftritten, viele Stadt- bzw. Studentenradios zu Werbezwecken, arbeiten bewusst mit Medienpartnern außerhalb der sogenannten etablierten Schiene, weil dies nach unserem Eindruck gut zur Band und zur Neuveröffentlichung passt.

2
Was ist das Besondere gerade dieser Keimzeit-CD?


Sie wird musikalisch maßgeblich geprägt durch Rudi Feuerbach, als Gitarrist neu in der Band. Es ist sein erstes Keimzeit-Album, und er hat bereits spielerisch Akzente gesetzt. Unsere Befindlichkeiten gerade jetzt sind auf diesem, unserem insgesamt achten Album, konserviert. Mein Songwriting wurde einmal mehr durch Dinge, die um mich herum passieren, tangiert, weniger durch meine eigene private Welt im Verhältnis zu anderen "Keimzeit"-Platten.

3
Keimzeit gibt es schon "eine kleine Ewigkeit", nicht eben selbstverständlich in der heutigen Musiklandschaft. Norbert, erzähle bitte etwas von den Anfängen, wie 1980 die Geschwister Leisegang unter dem Namen Jogger begannen, Musik zu machen.


Jogger war eine Band in klassischer Besetzung: Bass, Schlagzeug, Gitarre, Gesang. Der "Ur-Antrieb" war wohl, jugendliche Energien "loszuwerden", gleichsam in etwas Sinnvolles zu kanalisieren. Simon & Garfunkel, Van Morrison, Woodstock – auf solcherart Musik standen wir. Bis auf wenige Ausnahmen (Monokel, Setzei, Boddi Bodag & Engerling) hatten wir kaum Bezug zum klassischen Ostrock. Umso mehr inspirierte uns die "Neue Deutsche Welle", deren Erfolg mich dazu brachte, fortan deutsche Texte zu schreiben.

Abgesehen vom jugendlich-ungestümem Drang, sich auszuprobieren, war durchaus die Hoffnung vorhanden, von der Musik leben zu können, sehr zum Leidwesen unserer Eltern übrigens, die zwar unser Hobby tolerierten, ansonsten aber andere, vermeintlich etablierte und "bürgerliche" berufliche Neigungen lieber gesehen hätten.

4
Die Keimzeit-Texte stammen zumeist von Dir, Norbert, spiegeln individuell gefärbte Beobachtungen des Alltags, sind voller Poesie und intelligenter Metaphern, bewegen sich stilistisch auf hohem Niveau, wirken spielerisch, leicht, haben Glanz und dennoch Tiefgang. Woher holst Du Dir Anregungen, bedeutet Schreiben für Dich Anstrengung oder fallen Dir die Ideen gleichsam zu?


Text und Musik entstehen bei mir zusammen zur Gitarre. Somit habe ich gleich ein Feeling dafür, ob es zusammenpasst, dass Melodien und Wörter miteinander harmonieren und technisch zu bewältigen sind. Durch Reisen, Landschaften und Orte, lasse ich mich gerne inspirieren. So weilte ich, da Privates Kino entstand, unter anderem in Frankreich (Marseille), auch an der Ostsee. Ich muss nur Augen und Ohren offen halten, dann fliegen mir Ideen zu – gewiss ein glücklicher Umstand!

5
Sag bitte etwas zu Franz Plasa und den Home Studios in Hamburg, zum wiederholten Male Ort der Produktion einer Keimzeit-CD.


Es ist ein wirklich familiäres Verhältnis, ähnlich dem innerhalb der Band. Wir fanden von Anfang an einen guten Konsens mit Franz Plasa – so etwas wirkt sich stets positiv auf die Entstehung eines neuen künstlerischen Produktes aus. Wobei die Band die Vorproduktionen selbständig realisiert, was etwa ein viertel Jahr dauert. Dann folgen zwei Monate Arbeit in den Home-Studios, wenn es gut läuft.

6
Zum neuen Album gibt es eine ausgedehnte Live-Tournee, welche Euch quer durchs "Ländle" führt. Wie leicht oder schwer fällt es einer Band wie Keimzeit, Locations bzw. Veranstalter zu finden, die mit Euch kooperieren? Spürt Ihr etwas davon, dass wir in vergleichsweise schwierigen wirtschaftlichen Zeiten leben, die Menschen ihr Geld "zusammenhalten", weniger für Kunst, Kultur, Musik ausgeben (können)?


Das bemerken wir durchaus. Die Szene verändert sich dauernd, Veranstalter geben leider auf und locations machen dicht. In den Jahren 1995 / 96 etwa spielten wir ca. 120 Konzerte im Jahr, davon 60 in Sachsen und Thüringen. Von denen ist unterdessen gut die Hälfte weggebrochen. Im Gegensatz zu Künstlern, die in den Charts sind und somit genügend Promo haben, agieren wir gleichsam an der Basis. Simple äußere Bedingungen verändern sich negativ; etwa werden wir durch Veranstalter mit stetig wachsenden Gebietsschutzgrenzen konfrontiert oder aufgefordert, nicht mehr für Festgagen, sondern gleichsam "gegen die Kasse" zu spielen, da der Vorverkauf, zum Beispiel in Urlaubsgegenden, zuweilen nur mäßig läuft.

Im Vergleich zum Jahr 2000 haben sich für die Band die Kosten pro Konzert verdoppelt. Wobei wir auf der aktuellen Tour keinerlei Kritik bekamen, dass unsere Eintrittspreise zu hoch seien! Es ist vor allem Sache der Veranstalter, einen Konzert-Abend tatsächlich ins ökonomische Plus zu führen, und zwar dergestalt, dass schlussendlich alle beteiligten Seiten, Unternehmer, Band und Publikum, zufrieden sind!

Mit unserer Leipziger Partner-Agentur - der MAWI Konzertagentur GmbH – machen wir immer wieder nur glückliche Erfahrungen. Matthias Winkler hat wirklich "ein Händchen" für locations, Termine und Abläufe bis hin zum Wetter, wie man heute wieder einmal sehen kann … (Anmerkung: Das Leipziger Konzert fand an einem herrlichen Frühlingsabend mit hoch-sommerlichen Temperaturen statt – der Webmaster.) Wer hätte beispielsweise vor Jahren gedacht, dass "Keimzeit" im Gewandhaus zu Leipzig "funktionieren" würde – und der Abend war ausverkauft!

7
Wie stellt Ihr in diesem Jahr Eure Tour inhaltlich zusammen, in welchem Verhältnis werden neue Titel und ältere inklusive der Keimzeit-Hits stehen?


Erwartungshaltungen des Publikums berücksichtigen wir auf jeden Fall. Dass Songs der neuen CD live ausführlich präsentiert werden, hatte ich bereits gesagt. Kling Klang singe ich ebenso, nachdem wir das Lied, für viele eine Art Hymne, zeitweilig aus dem Programm genommen hatten. Die Leute sind glücklich, wenn wir es bringen. Zudem unterstützen mich unser Gitarrist Rudi und Andreas, der Keyboarder, gesanglich. – Wir haben uns intensiv vorbereitet, in Halle, in der "Easy Schorre", fanden die Bühnenproben statt.

8
Welche Bedeutung hat das Internet für Euch?


Eine große, keine Frage. Die ganze Sache begann ja so Mitte der 90er Jahre; ich bin glücklich über diese umfassende, spontane und direkte Möglichkeit der Kommunikation. Ich mag unsere Seite; die vielen Feedbacks, die wir erhalten, interessieren mich sehr. Fans "bleiben am Ball", melden sich von außerhalb, verfolgen auch im Urlaub im Ausland, wie es der Band geht, welche Statements, Meinungen und Stimmungen das Gästebuch oder Forum wiedergeben.

Jede Band sollte sich eine Infrastruktur, ein Netzwerk, schaffen, meine ich, aus Kommunikation, Merchandising, künstlerischem und technischem Management und dieses Netz beständig zu erweitern versuchen. Die Möglichkeiten hierfür sind heutzutage vorhanden.

9
Im März diesen Jahres erschien im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag das Werk: Keimzeit, Das Buch, mit vielen Interviews und der kompletten Diskografie von Christian Hentschel. War es an der Zeit, in epischer Breite "die Dinge festzuhalten"? Warum ist gerade Christian Hentschel der von Euch favorisierte Autor, welcher ja ebenso die bekannte und wichtige Musikzeitschrift Melodie & Rhythmus wiederaufgelegt hat?


Nun, gegen Ende des Jahres 2003, Anfang 2004, war noch kein neues Album in Sicht, noch nicht mal geplant, einer CD-Produktion wegen setzten wir uns nicht unter Druck. Wir wollten freilich den Fans etwas Neues bieten, und so haben wir die Buch-Veröffentlichung angekurbelt. Ich kannte Christian Hentschel bereits von Promotion-Arbeiten im Print-Bereich – zweifelsohne ein erfahrener, versierter Journalist, der alle Fakten selbst aufwendig recherchierte.

Dann kam noch die Arbeit an der CD Privates Kino hinzu, so dass wir schließlich beides, die neue Scheibe und das Buch, 2005 herausbringen konnten.

10
Ihr habt eine gewisse Zeit mit K & P Music, dem Label der City-Mannen Toni Krahl und Fritz Puppel, erfolgreich zusammengearbeitet, dort einige Alben herausgebracht. Zudem wart Ihr bereits zweimal mit City auf Weihnachts-Tour. Wie gestaltete sich der Umgang mit den Produzenten Toni und Fritz, was schätzt Ihr an Ihnen, wie kommen die Bands Keimzeit und City auf Tour miteinander klar?


Toni Krahl und Fritz Puppel von K & P Music sind sehr seriös und menschlich überaus zuverlässig, verhielten sich uns gegenüber stets kooperativ beim Verwirklichen gemeinsamer Ideen. Es herrschten irgendwann unterschiedliche Intentionen, was kommerziellen Erfolg angeht. Eine gewisse Distanz trat zutage in dem Maße, wie wir Verbindung zum Hamburger Home-Studio aufnahmen. Zudem war K & P Music an die BMG gebunden, konnte nicht in jedem Falle eigenständig handeln und entscheiden.

City und Keimzeit sind musikalisch verschiedene Welten, jedoch kommen die Bands live und "on the road" wunderbar miteinander klar!

Die Epoche geschäftlicher Beziehungen zu K & P Music ist vorbei, aber ich kann mir jederzeit gemeinsame Auftritte etwa auf Festivals von City und Keimzeit vorstellen.

11
Nenne bitte einige Musiker-Kollegen, einmal aus Deutschland, einmal im internationalen Maßstab, deren Schaffen Du über die Jahre achten gelernt hast.


Jan Plewka (Ex-Sänger der Band "Selig"), Olaf Schubert von "Dekadance", "Sandow"-Gitarrist Chris Hinze, jetzt als Bildhauer tätig; die finnische Band The Crash, deren Entwicklung ich schon seit Jahren verfolge. Neulich habe ich mir die aktuelle Audioslave-CD gekauft, die mir richtig gut gefällt …

12
Was würdest Du jungen Leuten raten, die vielleicht noch zur Schule gehen und die später Musik machen möchten?


Geduld mich sich selber zu haben. Sich musikalisch auszuprobieren. Grundsätzlich zu warten, ob so etwas wie Berufung hinter der Sache steckt oder es sich lediglich um eine Schnapsidee handelt … Sollte es nichts werden mit der Musik, findet man etwas anderes. Wobei man heutzutage auf unterschiedlichsten Ebenen des Musik-Business tätig sein kann: am Computer als Sound-Tüftler, in einer Irish-Folk-Band, die durch die Kneipen tourt, in einer Top-40-Band, die aktuelle Hits spielt, im Management- oder Booking-Bereich.


Keimzeit im Internet: www.keimzeit.de

Norbert Leisegang im Internet: www.norbertleisegang.de