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Fragen an Zapfen (Leipzig)

Leipzig, 14.11.2005

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1
Die Band "Zapfen" gibt es nunmehr 26 Jahre – was macht für Euch den Reiz an der Beschäftigung mit Rockmusik aus?


Rock hat den Vorteil, dass man laut machen kann, ohne verheiratet sein zu müssen. Im Ernst: Rock eignet sich einfach hervorragend als Ventil für alle möglichen Emotionen und Befindlichkeiten. Außerdem ist er eine Art Gang-Produkt, das so unterschiedliche Typen wie uns zusammenschweißt. Man muss ständig Kompromisse mit den Kollegen eingehen und dennoch kreativ sein. Wenn man dabei auch noch andere Leute unterhält, ist das doch eine prima Herausforderung.

Zapfen

Zapfen, Leipzig, © Foto: Band

2
Wie ist die aktuelle Besetzung?


Wir spielen bereits seit Jahren in Sieben-Mann-Besetzung: Bass, Drums, Percussion, Keyboard, Gitarre und zwei Sänger. Neu ist inzwischen, dass wir auch Gigs in kleinerer Besetzung anbieten. Außerdem haben wir unsere ursprüngliche Liebe zu akustischen Songs wiederentdeckt. Unplugged heißt das wohl in Neudeutsch.

3
Welche Art Rockmusik bekommen die Besucher eines "Zapfen"-Konzertes geboten?


Unsere Philosophie lässt sich vielleicht am Besten mit dem Job eines Restaurateurs vergleichen: Alte Stücke, die mal richtig wertvoll waren und inzwischen irgendwo im Keller verstauben, zeitnah aufpolieren und ins Licht zurückholen. Nimm zum Beispiel diesen Wahnsinns-Song von Creedence Clearwater Revival "Long as I can see the light", den von den Jüngeren mit Sicherheit keiner kennt. Wir finden aber, es wäre zu schade, das gute Stück einfach verstauben zu lassen. Es macht allerdings auch keinen Sinn, ihn so zu spielen wie es die Herren Fogerty & Co. weiland 1970 auf der "Cosmos Factory" getan haben. Immerhin schreiben wir mittlerweile das Jahr 2005. Also verpassen wir ihm ein Outfit, das ihn auch für ein Publikum anziehend macht, das den Song nicht kennt. Am Ende ist eine Grunge-Nummer mit Blueselementen entstanden. Natürlich "vergreifen" wir uns auch gern an Hits, für die allerdings das Gleiche gilt. "Get Back" von den Beatles kennt zwar jeder, aber die Originalversion ist auch schon heftig angejahrt. Wir haben deshalb Tempo und Arrangement verändert und ein Song mit Hard-Rock-Anleihen erstellt. Schließlich covern wir einige Songs auch 1:1. Eigenkompositionen finden sich in unserem Programm auch.

4
Ihr habt gewiss viel erlebt in all den Jahren, nennt bitte bemerkenswerte Auftritte und Erlebnisse, die Euch in Erinnerung geblieben sind?


Wie viel Zeit haben wir denn – bei 26 Jahren kommt ja doch einiges zusammen. Okay, fassen wir uns kurz: Da wäre wohl als erstes ein Gig mit Rockhaus vor dem Völkerschlachtdenkmal 1988 zu nennen. Oder der in der Kongresshalle am Zoo anlässlich einer Einstufung im gleichen Jahr. In bester Erinnerung ist uns auch ein Auftritt mit einem Band-Freund im Leipziger Anker, bei dem 600 Gäste kamen. Die regelmäßigen Gigs zum Honky Tonk im Innenhof der Pfeffermühle zählen ebenso zu den angenehmen Reminiszenzen!

5
Nennt bitte Musiker (national und international), deren Schaffen Ihr über die Jahre achten gelernt habt.


Ganz klar BAP. Wir haben Jahre lang mit Leidenschaft die Songs der Kölner gespielt – nach Ansicht vieler Kollegen und Freunde übrigens richtig gut. Stones und Beatles zählen international zu unseren Favoriten. Vor dieser Phase waren wir auf Folkrock abonniert – Crosby, Stills, Nash & Young und ähnliches. Und zwischendurch war es mal James Taylor, dessen Songs wir spielten.

6
Wie ist Eure Meinung zur Leipziger Musikszene?


Auch wenn wir jetzt Gefahr laufen, als Publikumsschelter zu gelten: Es gibt ein Missverhältnis zwischen den vielen guten Musikern und der mangelnden Bereitschaft der hiesigen Leute, sich bodenständigen Rock reinzuziehen. Weshalb Leipzig schon immer ein schwieriges Pflaster für Mainstream-Rock und Blues war, erscheint uns bis heute nicht ganz nachvollziehbar. An Bands jedenfalls kann es nicht liegen, die gibt – oder gab es zumindest – zur Genüge. Außerdem mangelt es an Clubs, in denen Bands regelmäßig auftreten können. Es gibt zuwenig Kontinuität. "Tonelli´s" ist da die rühmliche Ausnahme.

7
Gibt es CDs von Euch?


Leider noch keine reguläre. Wir haben aber im Studio von Hendrik Bertram eine Demo-CD produziert und schieben derzeit ein etwas umfangreicheres Opus nach. Pläne für einen "richtigen" Silberling gibt es natürlich. Als Band, die nach Feierabend rockt, ist die Umsetzung allerdings auch ein logistisches Problem. Wir bleiben aber an der Sache dran.

8
Gibt es für Euch genug Auftrittsmöglichkeiten für eine ambitionierte Band wie "Zapfen", was zeichnet nach Eurer Meinung einen guten Live-Club aus?


Wir wünschten uns schon mehr Gigs, keine Frage. Dass es nicht so viele sind, wie wir wollen, hängt im Wesentlichen mit dem mangelnden Clubangebot in Leipzig und näherer Umgebung zusammen. Für größere Über-Land-Touren wiederum ist angesichts unserer beruflichen Einbindung der Planungsaufwand ziemlich heftig. Was die Clubs betrifft, die unseren Vorstellungen entsprechen, so sollten sie nicht zu groß sein, über ein rock-interessiertes Stammpublikum verfügen, keinen Lautstärkepegelmesser haben und Bands respektvoll entlohnen.

Verlangen wir zuviel?

9
Wie ist Eure Meinung über kommerzielle Medien, die momentan Rockmusik präsentieren oder dies zumindest vorgeben?


Die meisten haben den Vorteil, dass man sie erst gar nicht einzuschalten braucht und dadurch Zeit spart, um selber Musik machen zu können. Dennoch war früher nicht alles besser. Schlechter Geschmack ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern allgegenwärtige Patina. Kommerzielle Medien haben zwar heute keinen musikalischen "Bildungsauftrag" mehr, sondern sind uninspirierte und uninspirierende Erfüllungsgehilfen von Musikunternehmen, deren Konten sie füllen. Klar, früher konnten die Spitzenplätze einer Hitparade schon mal aus "Hey Joe", "Evil Ways" und "Brown Sugar" bestehen, während uns heute austauschbare Kunstprodukte vorgesetzt werden. Wir verfügen heute als Konsumenten dennoch über einen großen Vorteil: Wir können das Angebot ablehnen und uns in den medialen Nischen umtun. Es gibt genügend Zeitschriften und Tipps aus dem Internet, um sich über Jazz, Blues, Ethno-Pop und Rock auf dem Laufenden zu halten. So lange Konzerne auch mit authentischer Musik Geld verdienen können, liegt es nicht zuletzt an uns Konsumenten, per CD-, DVD- und Ticketkauf über die Wertigkeit von Bands und Solisten mitzubestimmen.

10
Rockmusik hatte – zumindest in ihren Anfängen – oft einen sozial konkreten Background, eine rebellische Attitüde. Was ist davon übrig geblieben, was leistet Rockmusik nach Eurer Meinung heute, pure Unterhaltung, was nichts negatives sein mag, so sie gut gemacht ist, oder eben doch mehr?


Rock ist im Prinzip immer noch rebellisch, nur haben sich Ausdruck und Bedeutung verändert. In dem Moment, in dem Rock herrschende Konventionen in Frage stellt, ist er rebellisch. Das Problem dabei ist nur, dass inzwischen so ziemlich alles in Frage gestellt worden ist. Irgendwann stößt aber eben auch der schnellste Speedmetal an Tempogrenzen, geht auch die tiefste Gitarrenstimmung nicht noch tiefer zu stimmen, und irgendwann verliert auch eine textliche Provokation, die sich auf die Wiederholung der Endlosschleife "fuck" zu gründen vermeint, ihren Sinn. Was kommt dann? Aus unserer Sicht ist Rock – auch der rebellische – ein Ergebnis nicht zuletzt ästhetischer Werte, weil sich Destruktivität nicht ins Unendliche steigern lässt. Selbst Zappa hat ja trotz seiner bewussten Atonalität und Tabu-Brüche immer wieder melodische, harmonische und rhythmisch "populäre" Strukturen verwendet. Auch eine andere Band, die für Rebellion stand – Jefferson Airplane – hat sich zum Beispiel auf "Bark" nicht vor Songs mit Wiedererkennungseffekt gescheut. Gleiches gilt für BAP-Gründer und -Sänger Niedecken, der für seine sozialkritischen Texte bekannt ist. Kurz, für uns gehen soziales Engagement, Rebellion und "Unterhaltung" durchaus zusammen.

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Welche Bedeutung hat das Internet für Euch?


Wir sehen es als ein Arbeitsinstrument an, das die Kommunikation innerhalb der Band und die Suche nach Texten, Partituren oder Informationen erleichtert. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Zapfen im Internet: www.zapfen.net

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Am 19.11. steigt im traditionsreichen Leipziger "Anker" die lange angekündigte offizielle Party "Kultband meets Kultschuppen". Was dürfen die Besucher / Zuschauer erwarten?


In ungeordneter Reihenfolge: die Jazz-Band "Dreif", mit deren Musiker wir schon seit Ewigkeiten befreundet sind, uns als "Zapfen", dazu eine Reihe ehemaliger Band-Mitglieder oder langjährige Aushelfer, ein Stand mit Zapfen-Devotionalien, ein griechisches Buffet gegen den Hunger, ein Fass Freibier gegen den Durst und dazwischen natürlich eine Menge Musik und die Gelegenheit für viele Zapfen-Freunde, die sich ewig nicht mehr gesehen haben, zum Plausch.


Zapfen im Internet: www.zapfen.net