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Fragen an Bodenski

02.04.2006

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Die Akustik-Tour Nackt von Subway To Sally steht bevor. Sie wird am Freitag, dem 07.04.2006, in Leipzig, im traditionsreichen Anker, starten. Wie entstand dieses Vorhaben, welches, wenn ich mich recht erinnere, schon früher einmal geplant war, dann aber wohl verschoben wurde?


Wir hatten für das Frühjahr 2005 schon einmal so eine Tour angedacht. Da aber die Arbeiten an Nord Nord Ost länger dauerten als geplant war, haben wir zu Gunsten des Albums die Tour verschoben. Dass wir einmal eine Akustiktour fahren würden, war schon immer klar. Das akustische Element ist ja schon immer Teil unseres Konzeptes gewesen. Viele unserer Songs enthalten komplette akustische Arrangements, die auch ohne E-Gitarre funktionieren. Dass wir uns nun endlich einmal die Zeit nehmen, dies auf die Bühne zu bringen, liegt daran, dass wir uns vor der Arbeit an einem weiteren Album einmal eine Auszeit vom üblichen Rhythmus nehmen wollten.

Subway To Sally

Subway To Sally 2006

Foto: Ronny Marzok


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Du hast Dich mit aller Konsequenz für Rockmusik entschieden als künstlerische Ausdrucksweise und auch individuelle Lebensform. Was verdankst Du der Rockmusik? Anders gefragt, hast Du Deine Entscheidung, Musik zu machen, je bereut?


Es war ja in dem Sinne keine Entscheidung, da ich in den Beruf hineingewachsen bin. Es gab eine ganze Reihe von Faktoren, die dazu führten, dass es überhaupt möglich war, sich einen Traum zu erfüllen, den so viele Garagenbands träumen. Es gab bei der Entwicklung der Band eine schwierige Zeit, in der wir so viel Zeit und Energie in das Projekt steckten, dass keine Zeit mehr für einen bürgerlichen Beruf blieb, in der wir aber noch nicht von der Musik leben konnten. Das hat sich dann irgendwann ausgezahlt. Das Leben als Rockmusiker ist sicher etwas Besonderes, aber ich komme mir trotzdem sehr normal vor.

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Wie leicht oder schwer fällt es einer Band wie Subway To Sally, Locations bzw. Veranstalter zu finden, die mit Euch kooperieren? Spürt Ihr etwas davon, dass wir in vergleichsweise schwierigen wirtschaftlichen Zeiten leben, die Menschen ihr Geld „zusammenhalten“, weniger für Kunst, Kultur, Musik ausgeben (können)?


Wir gehören zu den Bands, die bei Veranstaltern schwarze Zahlen schreiben. Insofern haben wir zumindest in Deutschland keine Probleme, unsere Touren zu planen. Wir versuchen von uns aus, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das Geld für Kultur knapp ist. Unsere Preise für T-Shirts sind vergleichsweise niedrig und unsere Ticketpreise sind stabil und sollen es auch bleiben. Ich glaube, dass es heute vor allem für junge Bands schwer ist, ein Publikum zu finden. Fans geben schon noch Geld aus, aber sie wollen es lieber für eine Band ausgeben, von der sie genau wissen, was sie erwartet. Für eine unbekannte Band geht man heute eher nicht mehr aus dem Haus.

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„On the road“ ist Subway To Sally nunmehr wohl einem mittelständischen Unternehmen durchaus vergleichbar. Eine zuverlässige Truppe an Technikern, Merchandisern und Begleitern hilft Euch, die fesselnden Live-Shows umzusetzen. Spürt Ihr neben der permanenten Beschäftigung mit ästhetischen bzw. künstlerischen Fragen unterdessen auch eine soziale Verantwortung gegenüber Eurer Crew?


Absolut. Wir sind wirklich eine große Familie. Einige unserer Begleiter sind schon seit vielen Jahren bei uns, und wir versuchen nie aus dem Blick zu verlieren, dass jeder im Team ein Individuum mit Stärken und Schwächen ist. Bei uns gibt es keinerlei Sonderbehandlung für Musiker. Alle essen und trinken das Gleiche und wir reisen zusammen im selben Bus.

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Ende 2003 erschien Eure erste DVD, von den Fans sehnsüchtig erwartet. Diese DVD erhielt allenthalben lobende Kritiken, sie ist Euch sehr gut gelungen, wie auch ich finde – spiegelt sie doch die wunderbare Live-Atmosphäre Eurer Konzerte wieder und belohnt die Anhänger mit umfänglichem, kostbaren Bonus-Material. Wenn Du zurückblickst, welchen Aufwand brachte es mit sich, diese DVD zu produzieren? Was sollte eine gute DVD Deiner Meinung nach heutzutage bieten, sind diesbezüglich weitere Vorhaben Eurerseits angedacht?


Die DVD ist ein Medium, dass immer wichtiger geworden ist. Was uns noch immer zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass wir bei einer DVD nicht in dem Maße die Möglichkeit haben, das Produkt zu beeinflussen, wie es bei einer Musik-CD der Fall ist. Wir können ja nun einmal nicht hinter der Kamera stehen oder den Schnitt selber erstellen. Trotzdem ist unsere DVD zur Engelskrieger-Tour eine schöne Momentaufnahme und das Bonusmaterial dürfte für Fans sehr interessant sein. Eine gute DVD sollte mehr sein als nur ein Konzertmitschnitt. Die Latte für sehr gute DVDs liegt allerdings ziemlich hoch und unser Budget ist niedrig. Wir haben uns inzwischen angewöhnt, mit eigener Digitalkamera private Aufnahmen zu sammeln. Mal sehen, wozu das gut sein wird. Wir planen, das Ereignis Akustiktour in Ton und Bild mitzuschneiden. Wenn daraus eine DVD werden sollte, wären wir sehr glücklich, weil wir das so schnell vielleicht nicht wieder in Angriff nehmen werden.

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Eure vorletzte CD Engelskrieger wandte sich inhaltlich pointiert der Gegenwart zu mit provokanten Texten (die keinerlei Bogen machen um Tabu-Themen der modernen Industrie-Gesellschaft) und deren musikalischer Umsetzung mit wohl nicht zu steigernder Härte. Doch auch diese ästhetische Position habt Ihr wieder verlassen. Die aktuelle (auf ihre Art ebenso gelungene) Veröffentlichung Nord Nord Ost überrascht musikalisch mit orchestralen Streicherklängen und Subway-typischen Texten, welche die Zuhörer bzw. Leser in (vertraute) Traumwelten führen. War die exemplarische Hinwendung zu Themen der Gegenwart in Engelskrieger somit ein einmaliger Vorgang? Liegt Dir als Texter die poetische Umschreibung eher als die vermeintlich direkte Benennung?


Die Texte für Engelskrieger entstanden in der Zeit nach dem 11. September 2001. Wir standen unter dem Eindruck eines Ereignisses, das die Welt über Nacht verändert hatte. Wir haben Engelskrieger in diesem Sinn schon als Konzeptalbum geplant, weil wir bewusst andere Themen ansprechen wollten. Ich glaube allerdings, dass sich meine Sprache dabei nicht wesentlich verändert hat. Es war aber klar, dass es keine Fortsetzung geben würde. Nach dem Ausstieg von unserem Trommler David und einer vertrackten privaten Krise unseres Gitarristen war es Zeit, über andere Dinge zu singen.

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Nachdem die erste CD noch vorwiegend englischsprachige Texte enthielt, habt Ihr Euch ab der zweiten Scheibe konsequent für die deutsche Sprache entschieden. Du bist seither Autor der meisten Subway-Texte, die von Sänger Eric Fish eigenwillig-kongenial interpretiert und von den Fans oft nur kurz nach Veröffentlichung komplett mitgesungen werden. Was zeichnet Deiner Meinung nach einen guten Rock-Text aus?


Das ist ein weites Feld. Vielleicht schreibe ich darüber mal ein Buch. Ich glaube, dass es wie bei guten Kompositionen eine gelungene Mischung aus Handwerk und Inspiration sein muss. Ein Text braucht einen guten Aufhänger. Das kann eine Geschichte sein, eine Metapher, ein Wortspiel. Und dann kommt Handwerk und Erfahrung ins Spiel, weil ein Text, der sich sauber reimt, oft besser verstanden wird. Leider klingt beim Singen deutscher Texte nicht alles, was sich reimt, auch gut. Was ich besonders schwierig finde, ist das Vermeiden ausgelatschter Wendungen, wie der berühmte Reim „Herz auf Schmerz“, den es auch in einem meiner Texte gibt.

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Das letzte Album trägt den Titel Nord Nord Ost. „Nord“ steht wohl metaphorisch für Kälte, Einsamkeit und Verlassenheit. „Ost“ würde ich als durchaus als geographische Zuordnung, biographisches Bekenntnis interpretieren wollen. Deine Band Subway To Sally entstand Anfang der 90er Jahre und ließ mit einem eigenen Stil aufhorchen, welcher sind erfrischend abhob von dem, was man von „hiesigen“ Bands kannte. – Hast Du dessen ungeachtet eine Beziehung zum sogenannten Ostrock, wie er heute noch zuweilen nostalgisch gefeiert wird und „vor der Wende“ von seinen klassischen Protagonisten zelebriert wurde? Wer oder was hat Dich musikalisch geprägt?


Mir ist erst Mitte der 90er Jahre bewusst geworden, wie stark ich von der Ostmusik geprägt bin. Ich glaube, dass mich die Texte der alten Helden zu dem Texter gemacht haben, der ich heute bin. Ich kann mit dem nostalgischen Abfeiern von Ostmusik nicht so viel anfangen. Es ist wie mit der Neuen Deutschen Welle: Irgendwann erinnert man sich nur noch an den „Sternenhimmel“und „99 Luftballons“. Ich habe neulich eine Best-Of-CD von Lift gekauft und war völlig platt, wie schön diese Lieder sind. Die Texter in der DDR haben sich sehr darin geübt, ihre Botschaften in lyrische Metaphern zu packen. Da gab es sehr gute Sachen. Silly zum Beispiel hatte neben der handwerklich guten Musik auch immer ausgesprochen gute Texte.

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Ich bin großer Fan Eurer Tour-Tagebücher, besonders haben es mir hierbei die frühen Notizen angetan, die die Freuden und Strapazen der Anfangsjahre Eurer Band beschreiben. Gute Frage – würdest Du mit dem Wissen von heute diesen gewiss schönen, aber eben auch entbehrungsreichen Weg nochmals gehen wollen?


Wenn ich gleichzeitig noch einmal 10 Jahre jünger wäre … Aber im Ernst: Ich glaube, dass alles, was mit dem Leben auf der Straße und im Tourbus zusammenhängt, auch Teil der Musik und der Texte wird. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, haben auch dazu geführt, dass wir heute noch zusammen sind. Also kann es nicht verkehrt gewesen sein.

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Was muss ein Live-Club bieten, damit sich die Band Subway To Sally wohl fühlt?


Eine Dusche.

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Eure Auftritte sind zumeist rauschende Feste, bei denen Ihr (verdientermaßen) alle Zuneigung des Publikums erhaltet, von den Fans gleichsam auf Händen getragen werdet. Mich würde interessieren, wie Ihr Euch nach dem Ende einer jeweiligen Tour fühlt, wenn der immense Stress vorüber ist und der Alltag mit gelegentlich prosaischen Anforderungen wartet? Wie bewältigt Ihr den Spagat zwischen Tournee- und Alltagsleben?


Eigentlich sehr gut. Man lernt das prosaische Leben erst richtig schätzen, wenn man einmal 4 Wochen auf Tour war und sich einen Bus mit 18 Leuten teilen musste. Man lässt dann ein paar Tage den lieben Gott einen guten Mann sein und kümmert sich um Familie und Freunde, aber dann beschäftigt man sich sowieso wieder mit Musik. Üben und kreatives Arbeiten kennt keine Stechuhr.

Spätestens nach einem Monat werde ich dann aber „hibbelig“, wenn wir kein Konzert haben. Dann freue ich mich schon wieder auf den nächsten Auftritt.

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Du bist künstlerisch sehr produktiv und vielseitig, hast 2000 und 2001 mehrere Theatermusiken für das Hans-Otto-Theater Potsdam komponiert und selber als Schauspieler auf der Bühne gestanden bzw. dereinst noch in einigen späten DEFA-Filmen mitgewirkt. Seit 2005 gibt es den Michael Boden Verlag, wo Du inniglich, Deinen ersten Gedichtband, veröffentlichen konntest. – Was reizt Dich an gelegentlichen Ausflügen in andere künstlerische Gefilde?


Für mich sind es keine anderen künstlerischen Bereiche. Bei SUBWAY TO SALLY kann ich Texte schreiben, Musik komponieren, auf der Bühne stehen, ein Instrument spielen. Das alles sind Dinge, die ich auch gern in anderen Zusammenhängen ausprobiere. Meine Verbindung zum Potsdamer Theater ist durch eine uralte Freundschaft mit einem Schauspieler entstanden, den ich schon seit meiner Kindheit kenne. Die Idee zum Buch wurde eher durch die Fans an mich heran getragen, die immer nach Texten fragten, die nicht bei meiner Band verwendet wurden.

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Ein Kapitel für sich sind stets die Bands, welche auf Euren Touren als „Anheizer“ fungieren. Darunter sind unterdessen bekannte Namen gewesen, etwa Mila Mar. Nach welchen Kriterien wählt Ihr support acts aus?


Das ist leider auch von ökonomischen Faktoren abhängig. Wir können nur Bands mit auf Tour nehmen, die eine Plattenfirma oder einen Verlag im Rücken haben, die ihnen die Reisekosten spendieren. Die Bands, die dieses Kriterium erfüllen, hören wir uns an, und die Band, die uns am besten gefällt, laden wir ein.

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Wie ist Deine Meinung über kommerzielle Medien, die momentan Rockmusik präsentieren oder dies zumindest vorgeben?


Welche Medien? MTV oder VIVA sind in erster Linie Werbesendungen für Lifestyle, der sich verkaufen lässt, und im Radio laufen die hundert Songs, die der Computer ausspuckt, rund. Einzig Internet und Printmedien sind so vielseitig, dass sie jede Musikart widerspiegeln. Vielleicht werden wir Musiker eines Tages dankbar sein, dass unsere Musik sich umsonst im Netz verbreitet, weil man nur so noch neues Publikum für sich begeistern kann.

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Du bist bereits geraume Zeit im Musik-Geschäft „unterwegs“, hast dabei gewiss viel erlebt. Was würdest Du jungen Leuten raten, die vielleicht noch zur Schule gehen und deren "naiver" Traum es ist, später Musik zu machen?


Ich finde zwei Dinge wichtig: Man sollte wirklich was können – egal, ob man ein Instrument spielt, singt oder mit einem Toaster klappert, und man sollte so viel wie möglich live auftreten, um sich vor Publikum auszuprobieren und seinen Stil zu finden.

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Welche Erinnerungen hast Du an den Musik-Unterricht in der Schule? War das ermutigend oder eher abschreckend? Hattest Du das Glück einer musisch geprägten Kindheit?


Ich fand Musikunterricht grässlich. Ich bin erst spät zur Musik gekommen, weil ich einfach Bock hatte, Gitarre zu lernen. Ich habe mit Kumpels Gitarrengriffe und Liedertexte getauscht und erst später dann Unterricht genommen.

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Rockmusik hatte – zumindest in ihren Anfängen – oft einen sozial konkreten Background, eine rebellische Attitüde. Was ist davon übrig geblieben, was leistet Rockmusik nach Deiner Meinung heute, pure Unterhaltung, was nichts negatives sein mag, so sie gut gemacht ist, oder eben doch mehr?


Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, dass man mit Songs die Welt verändern kann. Trotzdem sehe ich, dass Musik Menschen verbindet. Ich habe bei uns erlebt, dass bestimmte Texte einzelnen Menschen helfen, sich zu öffnen; sie merken, dass es andere Menschen gibt, die ähnlich denken und fühlen. Das ist schon eine ganze Menge.

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Was inspiriert Dich künstlerisch?


Bücher, das wahre Leben.

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Was sind Deine / Eure Pläne für die nahe Zukunft?


Nun, die Tour liegt vor uns. Das ist erst einmal ein großer Brocken. Wir werden im Sommer auf einigen Festivals spielen und im Herbst an neuen Songs arbeiten. Alles Weitere wird sich dann finden.

Einer meiner Lieblingssprüche lautet: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl´ ihm von deinen Plänen.“


Bodenski im Internet: www.bodenski.de

Subway To Sally im Internet: www.subwaytosally.de